Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 0 0 ein Mitglied der Verwaltung. „Sie müssten sie durch die Ausstellungsräume führen und einiges über das historische Material sagen, das dort zu sehen ist. Das müssten Sie in altertümlicher Kleidung tun – gewissermaßen als ein zum Ausstellungsraum passendes Stück der Vergangenheit – und sich so ausdrücken, als könnten Sie über die Geschichte dieser Zeit aus eigener Erfahrung berichten. Sie sind doch Schauspieler ... Würden Sie sich das zutrauen?“ Olaf traute sich das zu, und er bejahte die Frage, ohne lange zu überlegen. „Eine gewisse Schwierigkeit könnte allerdings darin liegen“, setzte die Angestellte fort, „dass Sie eine Menge über die Geschichte der Burg wissen müssen. Aber bei der Vorbereitung würden wir Ihnen behilflich sein.“ Olaf zuckte die Schultern – das Auswendiglernen von Texten hatte ihm nie besondere Mühe bereitet. Ein wenig unsicher wurde er allerdings, als die Frau auf etwas zeigte, das sie als Drehbuch bezeichnete: Es war eine tellergroße Magnetbandspule mit dem Aufkleber: RARITÄTENKAMMER. Es schien doch ungewöhnlich viel Text zu sein. „Jetzt brauchen wir noch eine Probeaufnahme“, wurde ihm erklärt. „Kommen Sie, dort drüben ist eine Garderobe. Wir haben Kleidungsstücke vorbereitet – ich glaube, dass sie Ihnen passen.“ Olaf warf einen Blick auf das, was da auf einer Bank ausgebreitet lag: eine Samthose mit geflochtenem Gürtel, eine mit Silberfäden bestickte Jacke, ein Hut mit breiter Krempe und aufgesteckten Rebhuhnfedern und ein Paar klobige Lederstiefel. „Ziehen Sie sich um“, bat die Angestellte, „und dann gehen wir in den Raum, in dem Sie sich aufhalten werden. Und kommen Sie dann ins Büro zurück!“ Olaf brauchte nicht lang, und dann ging es zwei Stockwerke über eine Wendeltreppe hinauf, in den turmartig gebauten Teil des burgförmigen Gebäudes. Die Angestellte hielt vor einer offenstehenden Tür – es sah wie der Eingang zu einer Bühne aus. Drinnen waren verschiedene Gegenstände angeordnet, wie man sie am ehesten in einem Museum erwartet hätte. Die Kammer enthielt keine Lampen, sondern wurde durch ein Gitterfenster dämmrig erhellt. Am Boden oder auch an die Wände gelehnt waren Schaustücke zu erkennen, die aus früheren Jahrhunderten zu stammen schienen: An der Decke hingen ein aus Folien gebauter Stern und ein Globus, an einem metallenen Sockel lehnte die Statue einer mit einem Schleier umhüllten Frau, und jetzt erst erkannte Olaf, dass da auf metallenem Sockel eine dicke, verschrumpelte Kerze stand. Sollte das die gesamte Beleuchtung sein? Kurze Zeit später erschien ein Fotograf, der Olaf bat, in einem aus Bambus gefertigten Lehnsessel Platz zu have to do this in period clothing—like a piece of the past that fits to the exhibition space—and express yourself as if you could tell about the history of that time from your own experience. You’re an actor after all ... Would you trust yourself to do that?” Olaf trusted himself to do it, and he affirmed the question without thinking twice. “There could be some difficulty, though,” the employee continued, “because you need to know a lot about the history of the castle. But we would help you with the preparation.” Olaf shrugged—memorizing texts had never bothered him much. He was a little unsure, however, when the woman pointed to something she described as a screenplay: It was a plate-sized tape reel with the label: RARITIES CHAMBER. It seemed to be unusually much text after all. “Now we need a test recording,” he was told. “Come, there’s a wardrobe over there. We’ve prepared clothes—I think that they fit you.” Olaf glanced at what lay spread out on a bench: velvet trousers with a plaited belt, a jacket embroidered with silver thread, a hat with a wide brim and partridge feathers, and a pair of clunky leather boots. “Get changed,” the employee said, “and then we’ll go into the room where you’ll be staying. Then come back to the office!” Olaf did not need long, and then took a spiral staircase up two floors, into the tower-like section of the castle-shaped building. The employee stopped in front of an open door—it looked like the entrance to a stage. Various objects were arranged inside, as one would have most likely expected them in a museum. The chamber contained no lamps, but was dimly lit by a lattice window. Showpieces that seemed to come from earlier centuries were visible on the floor or leaning against the walls: a star made of foil and a globe hung on the ceiling; the statue of a veiled woman stood on a metal pedestal, and now Olaf first realized that a thick shriveled candle stood there on a metal base. Was that to be the whole lighting? A short while later a photographer appeared, asking Olaf to sit in a bamboo armchair, and then took some pictures of him. In the end he showed the pictures to his colleague, who seemed to be very satisfied with them. “Very good!” she said. “That’s how I imagined it. In old-fashioned clothes you look like you’re a part of the furniture. Even your gray beard and the wrinkles on your face fit in this room. This would be your working place. If you want, you can start at the beginning of next week. And sort out your private affairs first.” Literarische Betrachtungen zu den Werken von Lutz R. Ketscher | Literary Observations on the Works of Lutz R. Ketscher

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