Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 0 2 nur das merkwürdige Gefühl, dass sich unter seinem Schädeldach etwas bewegte. Es tat nicht weh, doch es verursachte ein Gefühl tiefer Müdigkeit. Und schließlich breitete sich Dunkelheit über ihn – eine Dunkelheit, die seinen ganzen Körper überschwemmte. *** Olaf wusste nicht, wie lange seine Ohnmacht gedauert hatte. Das Erste, was er nun spürte, war ein Kratzen außen am Hals. Es war der raue Stoff seiner Jacke. Wo war er? Alles schien in Ordnung – die Umgebung war vertraut. Über seinem Kopf der Stern, daneben der Globus ... und direkt neben ihm die kupferfarbene Ritterrüstung ... Es war die, die er am Ende der Dienstzeit selbst getragen hatte ... Von draußen hörte er es poltern. Kamen die Besucher heute so früh? Unwillkürlich versuchte er sich aufzurichten, aber es gelang ihm nicht, er fühlte sich wie gelähmt. Was war mit ihm geschehen? Das Geräusch der Schritte draußen wurde leiser – das war gut, denn jetzt war er zu müde, um sein Tagewerk anzutreten. Doch kurze Zeit später kamen noch Besucher herein: ein älteres Ehepaar, ein halbwüchsiger Junge ... Jetzt durfte er nicht mehr zögern – Olaf musste mit seinem Auftritt beginnen! Und immer noch gab es etwas, was ihn hemmte. Sollte er mit den Erlebnissen aus seiner Jugend beginnen? Oder mit seinen Jahren als Landsknecht? Er war tapfer gewesen, hatte viele Feldzüge mitgemacht. Langsam fand er in die Wirklichkeit zurück: Jetzt erinnerte er sich wieder genau an seine Vergangenheit. An die Kriegs- und Beutezüge seines Fähnleins, an in Felle gekleidete Männer, die Knüppel schwangen und erbarmungslos zuschlugen ... an brennende Schindeldächer, fliehende Frauen und Kinder, gefesselte Gefangene, die auf die Hinrichtung warteten ... Er, Olaf, war nie geflohen. Er hatte gekämpft. Er hatte seinen Lehnsherrn verteidigt, und diesem sogar einmal das Leben gerettet. Und als er für die Kriege und Kämpfe zu alt geworden war, hatte dieser ihn zum Dank für treue Dienste in seine Burg aufgenommen und ihm die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut, die Gäste des Hauses zu unterhalten. Es dauerte lange, bis Olaf den seltsamen Zustand, in den er geraten war, überwunden hatte und sich wieder voll seinen Aufgaben zuwenden konnte. Und allmählich kam auch die Dankbarkeit wieder auf, die nun die Basis seines Daseins war: dass er jetzt, im Alter, eine vernünftige und angenehme Existenz gefunden hatte ... dass ihn der Fürst anständig behandelte ... dass er mit seinem Los glücklich und zufrieden sein konnte ... Und er begann zu erzählen ... He heard a rumbling outside. Did visitors come so early today? Instinctively he tried to get up, but he did not succeed, he felt paralyzed. What had happened to him? The sound of footsteps outside became quieter— that was good, because he was too tired now to do his day’s work. But a short time later visitors came in: an older couple, a teenage boy... Now he was not allowed to hesitate any longer—Olaf had to start his performance! And still there was something that inhibited him. Should he start with the experiences of his youth? Or with his years as a lansquenet? He had been brave, had participated in many campaigns. Slowly, he found himself back in reality: Now he exactly remembered his past again. The raids and forays of his company, men dressed in pelts swinging bludgeons and slaughtering mercilessly... burning shingle roofs, fleeing women and children, bound prisoners awaiting execution... He, Olaf, had never fled. He had fought. He defended his feudal lord and even saved his life once. And when he had grown old for the wars and battles, the latter had taken him to his castle in gratitude for his faithful service and entrusted him with the responsible task of entertaining the guests of the house. It took a long time for Olaf to overcome the strange state in which he had found himself and to return to his full duties. And gradually the gratitude that was now the basis of his existence came back: that now, in his old age, he had found a reasonable and agreeable existence... that the prince treated him decently... that he was happy with his lot and could be content... And he began to tell his story... Literarische Betrachtungen zu den Werken von Lutz R. Ketscher | Literary Observations on the Works of Lutz R. Ketscher

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