Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 1 6 ... und wie alle meiner Art frage ich mich auch heute, wie es wäre, die Augen zu schließen und in dieses seltsame Nichtsein zu gleiten, dorthin, wo nur noch Erinnerungen sich begegnen und durchdringen wie Ringe auf einer Wasseroberfläche. Der Atem des Malers wird mit jedem Atemzug ruhiger, unter den Lidern suchen seine Augen nach einem Fixpunkt. Die Bilder werden klarer, der Strom seiner unbewussten Gedanken reicher und heller, und als ich ihm sacht, ganz sacht, mit den Fingerspitzen über die Stirn streiche, folgen die Bilder meiner Spur. Es ist so leicht, sie zu berühren und zum Zittern zu bringen, den Spiegel zu stören. Man braucht nur einen Moment absoluter Stille. Früher gelang es müheloser im Schweigen der Wüste und in den Weiten von Wäldern, die kein Fuß zuvor betreten hatte. Doch es gibt schon lange kein Ankommen mehr für Eroberer, nur das Wandeln auf Spuren und das Rasten an Karawanenstationen fremder Seelen und Biografien. Der Lärm ist so groß, dass nur noch die Nacht bleibt, das Versinken in die bernsteindichte Stille des Schlafes. An diesem tiefsten Punkt, in der Leere einer Atempause, öffne ich die Tür zum Gestern. Und mit seinem ersten Atemholen strömt alles in ihn ein, was längst vergangen war und dennoch ewige Gegenwart ist. Obwohl es eine Menschengeste ist, lächle ich, vielleicht nur aus jahrtausendealter Gewohnheit. So oft habe ich meine Hand sacht auf Schultern und Stirnen gelegt. In einer Höhle stand ich inmitten von Menschen und beobachtete, wie sie nach meiner ...and like all of my kind, today I wonder what it would be like to close my eyes and slide into this strange non-existence, where only memories meet and penetrate like ripples on the surface of the water. The painter’s breathing calms with every drawn breath, his eyes search for a fixed point under his eyelids. The images become clearer, the stream of his unconscious thoughts richer and brighter, and as I gently, very gently stroke my fingertips over his forehead, the pictures follow my trace. It’s so easy to touch them and make them shiver, to disturb the mirror. It only takes a moment of absolute silence. In the past, it was easier to do so in the silence of the desert and in the expanse of forests that no foot had ever set in before. But there has not been any arrival for conquerors for a long time, only walking on tracks and resting at caravan stations of foreign souls and biographies. The noise is so great that only the night remains, the sinking into the amber silence of sleep. At this deepest point, in the void of a respite, I open the door to yesterday. And with his first draw of breath, everything flows into him, which had long ago passed away and yet is eternal present. Although it’s a human gesture, I smile, maybe just from a millennia-old habit. So often have I put my hand gently on shoulders and foreheads. In a cave, I stood in the midst of people, watching how they, after my touch, pressed their hands to the jagged walls and edged with charcoal and umber __DE __EN Der Maler schläft … The painter ist sleeping… V O N N I N A B L A Z O N B Y N I N A B L A Z O N Literarische Betrachtungen zu den Werken von Lutz R. Ketscher | Literary Observations on the Works of Lutz R. Ketscher

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