Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 1 8 Berührung ihre Hände an die schartigen Wände drückten und mit Kohle und Umbra säumten, um Zeugnis zu geben von ihrem Sein. Im Betasten eines Splitters aus Mammutelfenbein weckte ich in den Händen einer alten Frau das Bild einer Göttin, die schließlich zu einer Skulptur wurde. Im Zweistromland verfolgte ich, wie Abdrücke in weichem Ton zu Zeichen wurden und die Zeichen zu Türen in einen neuen Raum von Sprache, so stimmlos wie die Spur meiner Fingerspitzen. Jahrtausende lang lebte ich in Städten, auf Meeren und in Wüsten. Ich führte Forscher zu Relikten, die sie mit mathematischer Genauigkeit und Graphit auf Papier zu neuer Gestalt erweckten. Aus Lapislazuli, Färberwaid und „Citramarino“-Azurit sah ich Maler alle Töne des Himmels und des Meeres fangen. Aus Smalte schufen sie die kobaltblauen Ornamente auf den Fliesen prächtiger Moscheen und reicher Patrizierhäuser. Auch nach so langer Zeit fasziniert mich die Eigenschaft der Menschen, alle Welten und Alter in sich zu vereinen und in einem Wimpernschlag von Inspiration ganz neu zu erschaffen, am meisten. Manche von euch scheinen zu ahnen, wer wir sind, obwohl wir uns nie zu erkennen geben. Selbst wenn wir uns in Menschengestalt unter euch mischen, seht ihr nicht, wer hinter der Maske ist. Wir können jedermann sein: das fremde Kind, das euch zulächelt, und der alte Mann, der euch gegenübersitzt und in euch etwas entzündet – vielleicht mit einem Blick, vielleicht mit einer Geste oder der Art, seinen Kopf zu drehen, die für euch eine Irritation ist, weil sie ein Wiedererkennen ist. Meistens ein Wiedererkennen. Denn das ist unsere Natur: Wir können nichts erschaffen, wir zitieren und verknüpfen nur die Fäden aller Zeitalter, die euch durch die Labyrinthe der Jahrtausende führen. Untereinander haben wir nur selten Kontakt. Wenn wir uns in eurer Welt begegnen, nicken wir einander zu, ganz selten setzen wir uns im Café an denselben Tisch und zitieren, nur so zum Spaß, eines eurer Wiedersehen, einen Streit oder ein Kennenlernen. Die Kellner sind irritiert und fahrig und träumen in der Nacht von Skulpturen aus Tassenscherben und Macchiato-Schaum. Doch nur ganz selten berühren wir Menschen, denen wir nahe sind, nach ihrer Art. Manch ein Künstler erriet wohl unsere wahre Natur. Gäbe es sonst die Geschichten von Hermes und von Pygmalion, der sich seine aus Elfenbein geborene Geliebte schuf? In Wirklichkeit erschuf ich ihn mit dem sachten Kuss meiner Fingerspitzen, die über Ovids Stirn strichen. Einige Male noch nahm ich seitdem Gestalt an. Einen Dichter erinnerte ich an die fächerförmigen Blätter des Urzeitbaumes, dem er ein lyrisches Denkmal setzte. to testify to their being. Touching a sliver of mammoth ivory, I wakened in the hands of an old woman the image of a goddess who eventually became a sculpture. In Mesopotamia I followed how imprints in soft clay became signs, and the signs became doors into a new space of language, as voiceless as the trace of my fingertips. For millennia I lived in cities, on seas and in deserts. I led explorers to relics that they awakened to new form on paper with mathematical precision and graphite. I saw painters capture all the tones of the sky and the sea out of lapis lazuli, dyer’s woad and “citramarino” azurite. They created the cobalt-blue ornaments on the tiles of magnificent mosques and rich patrician houses out of smalt. Even after such a long time, I am fascinated the most by the ability of humans to unite all worlds and ages and to create them anew in the blink of an eye of inspiration. Some of you seem to sense who we are, although we never reveal ourselves. Even if we mingle in human form among you, you do not see who is behind the mask. We can be anyone: the strange child who smiles at you, and the old man who sits opposite you and sparks something in you—maybe with a look, maybe with a gesture or the way he turns his head, which is an irritation for you is because it is a recognition. Mostly a recognition. For that is our nature: We can create nothing, we quote and connect merely the threads of all ages, which lead you through the labyrinths of the millennia. We rarely have contact with each other. When we meet in your world, we nod to each other, we rarely sit down at the same table in the café and quote, just for fun, one of your reencounters, a quarrel or getting to know each other. The waiters are irritated and jittery, and dream during the night of sculptures made of cup shards and macchiato foam. But only very rarely do we touch people we are close to, in their manner. Many an artist probably guessed our true nature. Otherwise, would there be the stories of Hermes and Pygmalion, who created his ivory-born lover? In fact, I created him with the gentle kiss of my fingertips that stroked Ovid’s forehead. Several times, I took shape. I reminded a poet of the fan-shaped leaves of the primeval tree, which he erected a lyrical monument to. Each of his unnamed lovers on his Italian journey was me. He wrote poetry in Literarische Betrachtungen zu den Werken von Lutz R. Ketscher | Literary Observations on the Works of Lutz R. Ketscher

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