Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 1 9 Jede seiner namenlosen Geliebten auf seiner italienischen Reise war ich. In meinen Armen hat er gedichtet. Des Hexameters Maß zählte er mir mit leichter Hand auf den Rücken, während ich mich schlafend stellte. Vielleicht erahnte er mich in dieser Nacht, erkannte mich im Schein des Sichelmondes wie in einem Traum, den man verliert, sobald man die Augen aufschlägt. Vielleicht schrieb er deshalb, mein Hauch hätte ihn bis ins Tiefste seiner Brust durchglüht. Die Träume des Malers duften nun nach Terpentin und Tusche. Wieder lächle ich und diesmal beuge ich mich so dicht über ihn, dass sein Atem über meine Lippen streicht. Denn wir geben, ja, aber wir nehmen auch. Jedes Eintauchen in den Strom der Zeit nimmt ein wenig Farbe von seinen Erinnerungen. Sein erster Kuss ist bereits verblasst, er kann nicht mehr sicher sagen, ob der geliebte Mund kühl war oder warm. Im Austausch für meine Gabe trinke ich diese Erinnerungen mit seinem Traum-Atem, nehme sie mit durch die Türen, die ich ihm geöffnet habe. Vielleicht wird ein Dichter seinen Kuss finden oder ein Komponist ihn in Töne fassen. Jeder Tausch hat seinen Preis. Auch für mich. Ich fühle bereits die beginnende Leere und Erstarrung. Fühle die Glätte von Malachit auf meiner Seele. Viele von uns sind erstarrt, weil sie sich nicht losreißen konnten. Aber noch trinke ich ... ... die funkelnde Sekunde, in der er seine erste gelungene Grafik vollendet. ... sein hellrotes Glück, als er den Mäandern der feinen Federlinien und Farbverläufe nachspürt, als wären sie Blindenschrift, die ihm erstmals eine neue Welt eröffnet. ... die Farben seiner seligen, ultramarinblauen Träume von einem Badeausflug an die Ostsee. Der Großvater trägt ihn auf den Schultern durch das Wasser und er ist ein glücklicher, kleiner Junge. Ich habe ihn gesehen, ich war dort, ich wählte ihn. Und nun schließe ich die Tür, während er von einem neuen Bild träumt. Es wird die Maske vor meinem Gesicht zeigen. Und flüchtig wird er sich noch erinnern, mich zu vermissen, bevor der Tag ihm auch dieses Traumbild nimmt. my arms. He counted the measure of the hexameter on my back with a light hand while I pretended to be asleep. Perhaps he sensed me that night, recognizing me in the glow of the crescent moon like a dream one loses as soon as one open one’s eyes. Maybe that’s why he wrote that my breath would have set him aglow all the way to the depth of his bosom. The painter’s dreams now smelled of turpentine and ink. Again I smile and this time I bend so close over him that his breath strokes my lips. Because we give, yes, but we also take. Each plunge into the stream of time takes a little color from his memories. His first kiss has already faded; he cannot say for sure whether the beloved mouth was cool or warm. In exchange for my gift, I drink these memories with his dream breath, take them through the doors I have opened to him. Maybe a poet will find his kiss or a composer will catch it in sound. Every exchange has its price. For me too. I already feel the beginning emptiness and ossification. Feel the smoothness of malachite on my soul. Many of us are frozen because they could not tear themselves away. But still I drink... ...the sparkling seconds in which he completes his first successful graphic. ...his bright red happiness as he traces the meanderings of the fine pen lines and color gradients as if they were Braille, opening up a new world for the first time. ...the colors of his blissful, ultramarine-blue dreams of a bathing trip to the Baltic Sea. Grandfather carries him on his shoulders through the water and he is a happy little boy. I saw him, I was there, I chose him. And now I close the door while he dreams of a new picture. It will show the mask in front of my face. And fleetingly he will still remember to miss me before the day also takes this dream image from him. __ANMERKUNG DES KÜNSTLERS __ANNOTATIONS BY THE ARTIST Die vier antiken Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft sind die Grundmotivation der Bildinhalte und des fantasievollen, scheinbar divergenten Beziehungsgeflechts von Bildelementen wie Gegenständen, Zitaten, Versatz- und Fundstücken, aus denen eine surreale, ironisch verfremdete, mythische Bildwelt aufgebaut ist. Das tragende Thema ist die Archäologie. The four ancient elements—earth, fire, water and air—are the basic motivation of the image content and the imaginative, apparently divergent network of relationships between pictorial elements such as objects, quotes, set pieces and found pieces, from which a surreal, ironically alienated, mythical world of images is constructed. The sustaining theme is archeology. __ __

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