Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 1 auf Tafelbildern ausgebreiteten Fantasien haben ein kokettes Verhältnis zu leiser Ironie wie auch zu pathetischem Glanz. Versteckte Tragik und allegorisch formulierte Repliken durchziehen das Werk, dessen Entstehung sich über zwei konträre Gesellschaftssysteme streckt. Der thematischen Vielfalt entspricht ein immenses Bildinventar und das Magische, das Utopische und Fantastische werden zum verbindenden Element. Lutz Ketschers Weg zur Kunst war über weite Strecken ein Alleingang mit der unbeugsamen Ausdauer eines Langstreckenläufers. Der Vater hatte selbst ein Kunststudium absolviert, war Lithograf, aber zu lange in der Kriegsgefangenschaft, als dass er die Neigungen des Sohnes hätte unterstützen können. Auch sonst war das Umfeld des jungen Lutz Ketscher eher prosaisch. So haben die Zufälle geholfen: Die Comic-Hefte der amerikanischen Besatzer und die Wilhelm-Busch-Bücher zu Hause, einiges dürftiges Zeichenmaterial und die innere Freude am Entstehenlassen fantasievoller Bildwelten wurden zu kontinuierlichen Begleitern. Die Lehre zum Chromolithografen1 war begleitet vom Seitenblick auf die Kunst, die ihn als andere, bunte Welt voller möglicher Geschichten faszinierte, und so war der Weg zur Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst ein folgerichtiger Schritt. Bei Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Gerhard Kurt Müller erlebte Ketscher eine relativ freizügige Studienzeit. Das anfängliche Übereinkommen zur illustrierenden Arbeit nach dem Gegenstand erweiterte sich auf freie Grafik, schließlich auf Malerei. Kunstschaffen ließ sich bald weit über das Abbilden hinaus auch theoretisch, philosophisch und historisch begreifen. Die fünf Studienjahre waren für Ketscher und seine Kommilitonen geprägt von der gemeinsamen Suche nach dem, was die Kunst ihnen und der Gesellschaft zu bieten hatte – und zugleich abverlangte. Es war ein Vergleichen, Suchen und Ausprobieren, begleitet von Bekenntnissen und Verwerfungen. Lob und Lästereien, Anerkennung und Abgrenzung unter den Studierenden waren wertvolle Orientierung. Auch wenn die Kunsthochschulwelt eher ein geschlossenes Treibhaus für liberale Ideen war, bedeutete die Leipziger Freizügigkeit, wie er sie im Rückblick nennt, für Lutz Ketscher keine Illusion, sondern ein gutes Stück Weg. 1 Chromolithografie ist ein Druckverfahren für farbige Illustrationen. Das zu druckende Bild wurde in bis zu 21 Farben zerlegt, in ebenso vielen Schritten wurde dann übereinander gedruckt. Das Ergebnis ist ein praktisch rasterfreies Bild. gorically formulated replicas permeate the work, whose origins extend across two contrary social systems. The thematic diversity corresponds to an immense inventory of pictures, and the magical, the utopian and phantastic become the connecting element. Over wide stretches, Lutz Ketscher’s path to art was a solo effort with the indomitable endurance of a long-distance runner. His father had studied art himself, was a lithographer, but had been a prisoner of war too long to have been able to support his son’s inclinations. In other ways as well, the environment of the young Lutz Ketscher was rather prosaic. The coincidences thus helped: the comic books of the American occupiers and the Wilhelm Busch books at home, a few meager drawing materials and the inner joy of creating imaginative pictorial worlds became constant companions. The apprenticeship as a chromolithographer1 was accompanied by a sidelong look at art, which fascinated him as a different, colorful world full of possible stories, and so the way to the Leipzig Academy for Graphics and Book Art was a consequential step. Under the guidance of Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer and Gerhard Kurt Müller, Ketscher experienced a relatively permissive study time. The initial agreement on doing illustrative work based on the object expanded into free graphic expression, and finally to painting. Far beyond mere reproduction, art creation soon let itself be comprehended theoretically, philosophically and historically as well. For Ketscher and his fellow students, the five years of study were shaped by the common search for what art had to offer them and society—and at the same time demanded from them. It was a comparing, searching and trying out, accompanied by avowals and rejections. Praise and blasphemy, recognition and dissociation among the students provided valuable orientation. Even though the world of the art academy was more of a closed greenhouse for broad-minded ideas, the Leipzig liberality, as he calls it in retrospect, was not an illusion for Lutz Ketscher, but a long way off. 1 Chromolithography is a printing process for colored illustrations. The image to be printed was segmented into up to 21 colors; in just as many steps the colors were then printed on top of each other. The result is a virtually grid-free image.

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