Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 2 8 chen Fortschritts und technischer Errungenschaften: Gigantische Hochspannungsmasten und Windräder dominieren beide Seiten des Bildes. Und somit ist der Betrachter fast automatisch gezwungen, sich Gedanken über das Licht zu machen – aber in diesem Fall nicht über die natürliche Lichtquelle eines Mondlichts, sondern über künstliche Lichtquellen, die durch Strom und Elektrizität erzeugt werden. Auch Windräder, die als alternative Energiequellen zunächst „natürlich“, weil umweltfreundlicher erscheinen, üben zu viele ungewollte Nebenwirkungen aus – wir als Ver- und Gebraucher können ja sowieso nicht unterscheiden, ob der Strom aus unserer Steckdose durch Atomkraftwerke oder Windkraftanlagen produziert wurde. Der Mond und sein Licht scheinen also fast vollständig aus der Erzählung zu verschwinden – anders, als es der Titel suggeriert. Sind wir denn schon so weit, dass wir vergessen haben, wie lange es Elektrizität oder künstliches Licht als Selbstverständlichkeit in unserem Leben gibt? Sind wir überhaupt noch in der Lage, ohne Elektrizität zu existieren? Können wir uns überhaupt ein Leben ohne Strom noch vorstellen? Wenn alle strombetriebenen Geräte auf einen Schlag außer Betrieb wären, keine einzige elektrische Pumpe in einem Haus das Wasser hoch- oder abpumpt, keine elektrischen Geräte mehr funktionieren würden – kein Lichtschalter, Kühlschrank, Fernseher, Radio, kein Computer, keine Tankstelle – und dieser Zustand würde nicht nur eine oder zwei Wochen dauern, sondern den „Normalzustand“ darstellen? Mit diesen fast undenkbaren Gedanken und Überlegungen drängt mich der Künstler dazu, mir diese von Menschenhand geschaffenen Objekte, also die Strommasten, Windräder, Antennen und vielleicht sogar das Boot mit seiner erleuchteten Kajüte, aus dem Bild herauszudenken – sie passen nicht mehr in diese Landschaft. Und dann wird der Blick frei – frei für die Landschaft in ihrer ursprünglichen Form, mit Mondlicht, Wasser und Wolken: Und plötzlich spüre ich sie fast körperlich – diese innere Harmonie des Bildes. Wie hat er das geschafft, der Künstler, der mir als Betrachter einen unsichtbaren Radiergummi in die Hand gedrückt und mir damit die völlige Freiheit der Vorstellungskraft erteilt hat, alles Überflüssige wegzuradieren, bis diese völlige Harmonie erreicht ist? Das Wasser im Meer wird genauso weiter Wellen schlagen, der Mond wird weiter leuchten, die Wolken werden weiter am Himmel ihre Kreise ziehen. Die Natur wird ihren Zyklus ungehindert fortsetzen – aber der Mensch? matically forced to think about the light—but in this case not about the natural light source of moonlight, but about artificial light sources generated by power and electricity. Even wind turbines, which initially appear “natural” as alternative energy sources because they are more environmentally friendly, exert too many unwanted side effects—we as users and consumers cannot distinguish whether the electricity from our socket was produced by nuclear power plants or wind turbines anyway. So the moon and its light seem to almost completely disappear from the story—different from what the title suggests. Are we already so far that we have forgotten how long electricity or artificial light is a matter of course in our lives? Are we still able to exist without electricity? Can we even imagine life without electricity? If all power-driven equipment was disabled in one fell swoop, not a single electric pump in a house that pumps water up or down, no electrical appliances would work anymore—no light switch, refrigerator, TV, radio, no computer, no gas station—and that condition would not just last one or two weeks, but represent the “normal state?” With these almost unthinkable thoughts and reflections, the artist urges me to think these man-made objects, i.e., the electricity pylons, windmills, antennas and maybe even the boat with its illuminated cabin, out of the picture—they no longer fit into this landscape. And then the view is free—free for the landscape in its original form, with moonlight, water and clouds: And suddenly I feel it almost physically—this inner harmony of the picture. How did he do that, the artist who, as an observer, pressed an invisible eraser into my hand, giving me the complete freedom of imagination to dispose of everything superfluous until this complete harmony is achieved? The water in the sea will continue to make waves, the moon will continue to shine, the clouds will continue to circle in the sky. Nature will continue its cycle unhindered—but man? Man has moved away from nature so far that there is not a single person in the picture who looks up excitedly at the moon and thrills at the eternal beauty and clarity of the moonlight that makes the clouds appear in fascinating blue tones. Is the nocturnal calm deceptive, do the inhabitants not only sleep in the houses, but are they no longer there? Do the gigantic artificial power generating machines not work anymore? In its “higher-faster-further” Literarische Betrachtungen zu den Werken von Lutz R. Ketscher | Literary Observations on the Works of Lutz R. Ketscher

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