Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 6 ein Verhältnis zum künstlerischen Erbe, zur klassischen Moderne, schien wieder möglich zu sein – bis die Ausbürgerung Wolf Biermanns eine erneute kulturpolitische Zäsur setzte. Dennoch, das Publikumsinteresse hatte sich bis zur VII. Kunstausstellung 1972 verdreifacht und die ersten Verkaufsgalerien legten den Grundstein für den staatlichen Kunsthandel. In diesem Klima geriet die dritte Generation von Künstlern und mit ihr Lutz Ketscher auch in die öffentliche Wahrnehmung. Sie waren aufgewachsen in diesem Land aus Propaganda, Feindbildern und Selbstüberhöhung und kannten keine andere Wirklichkeit. Die Frage nach Identifikation stellte sich nicht. Man war ohne Illusion und so wurde auch gemalt. Die Kunst war entweder distanziert analysierend in nüchtern unterkühltem Ton oder sie wich dem „realen“ Stoff zunehmend aus. Poetisierung, der Blick auf die Geschichte, in die Ferne, die Fantasie war das Programm, so auch bei Lutz Ketscher. Er illustrierte literarische Werke von Jacob Michael Reinhold Lenz, Thomas Mann, Dante Alighieri und anderen, säte seine Werkideen in den Boden der klassischen Kultur und ließ sie – poetisch, fantastisch, exotisch – in das Licht der Gegenwart wachsen. Ketscher malte für einen kleinen Kreis. Seine Distanz zur realsozialistischen Wirklichkeit unterstrich er schließlich 1978 mit der Übersiedlung von Gera in das ländliche Lückenmühle. Flucht aufs Land hieß das und er war nicht der Einzige. Es ist kein kämpferisches Gegenhalten, eher das Credo von Abstand und Beobachten. Sein Landgewinn in Lückenmühle bestand im Verlangen nach Unabhängigkeit. Gera, Lückenmühle oder später Hof und Schwarzenbach sind nicht Paris, Worpswede oder der Monte Verità, sind keine Orte, die per se mit Kunst aufgeladen sind, doch er war und ist dort frei von tendenziellen Erwartungen. Ketscher balanciert sein Werk klug und instinktsicher zwischen dreißig Jahren Sozialisation im eng definierten DDR-System und dem weiten Kosmos der Kunstgeschichte. Es muss ein permanentes Kalkulieren gewesen sein: das künstlerische Werk in dieser Spannung zu halten, um es über die Entstehungszeit hinwegheben und weitgehend systemimmun entwickeln zu können. Anfang 1989 übersiedelt Familie Ketscher von Lückenmühle keine 50 Kilometer weiter über die deutsch-deutsche Grenze nach Hof. Ketschers Ablehnung des politischen Systems war längst beschlossen. Seit den 70ern wartete er auf den Vollzug des Zusammenbruchs, den er seismografisch erspürt und als zwangsläufig empfunden hatte. Das Territorium war schon lange vergiftet, sagt er später. Entsprechend war die Zeit der politischen Wende und into public perception. They had grown up in this land of propaganda, enemy images and self-exaltation, and knew no other reality. The question of identification did not arise. One didn’t have any illusions and also painted that way. The art was either a distanced analyzing in a sober, undercooled tone or it increasingly avoided the “real” substance. The program consisted of poetization, a look at history, a look into the distance and fantasy, as in Lutz Ketscher’s case as well. He illustrated literary works by Jacob Michael Reinhold Lenz, Thomas Mann, Dante Alighieri and others, sowed his work ideas in the soil of classical culture and let them—poetically, fantastically, exotically—grow into the light of the present. Ketscher painted for a small circle. He underscored his distance to real socialist reality in 1978 by moving from Gera to rural Lückenmühle. It was called “flight to the countryside” and he was not the only one. It is not a combative resistance, but rather the credo of distance and observation. His land gain in Lückenmühle did not consist in the desire for independence. Gera, Lückenmühle or later Hof and Schwarzenbach are not Paris, Worpswede or Monte Verità, are not places charged with art per se, but he was and is free of tendential expectations there. Ketscher balances his work cleverly and instinctively between thirty years of socialization in the narrowly defined GDR system and the vast cosmos of art history. It must have been a permanent calculating: to keep the artistic work in this tension in order to be able to lift it beyond the period of its creation and develop it in a way that is largely immune to the system. At the beginning of 1989, the Ketscher family moved just 50 kilometers from Lückenmühle across the German-German border to Hof. Ketscher’s rejection of the political system had long been decided. Since the 1970s he had been waiting for the collapse, which he seismographically sensed and felt to be inevitable. The territory had long been poisoned, he says later. Correspondingly, the period of political change and the reunification of Germany was artistically not a conspicuous one, and it hardly marks a turning point in the chronology of his work. The turnaround as an overdue abolishment of a false external order, for which he used the term “occupation zone” to the end, left the inner cultural life of Lutz Ketscher unchallenged. His distance to the closer and further environment remains undeterred. This can be seen in the works created in 1989, such as “Gepäck” (“Baggage”) or “Santa Maria oder die Entdeckung der anderen Ufer” (“Santa Maria or the Discovery of the Other Shore”),

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