Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 8 2 notiert: „Das einzige weiß ich gewiß – und jeder sollt‘ es nur so machen – ich habe aus mir so viel gemacht als aus einem solchen Stoff nur zu machen war; und mehr wird man nicht verlangen.“ Ein anderer Jean Paul, nämlich Sartre konstatiert in „Der Existentialismus ist ein Humanismus“: „Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv lebt, anstatt nur ein Schaum zu sein oder eine Fäulnis oder ein Blumenkohl; nichts existiert vor diesem Entwurf; nichts ist am intelligiblen Himmel, und der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein entworfen haben wird. Nicht, was er sein will ... Ich kann Mitglied einer Partei werden, ein Buch schreiben, heiraten wollen, das alles ist nur Ausdruck einer ursprünglicheren, spontaneren Wahl als einer, die man willentlich nennt.“ In südlichen katholischen Ländern sagt man den Kindern, nicht der Storch brächte die Kinder, sondern sie kämen aus einem Blumenkohlkopf (Simone de Beauvoir glaubte noch daran, bis sie siebzehn war). Deutet man die Gegenstände wie den Blumenkohlkopf von Sartre her, gerät man schnell in eine allegorische Deutung, die eine Form indirekter Aussage aufgrund von Ähnlichkeits- oder Verwandtschaftsbeziehungen herstellt. Auf jeden Fall zeigt sich im Bild eine Kollision des Unverträglichen: Das Bedrohliche einer quicklebendigen Echse, die zu dem Ei hinauflugt, aus dem bald ihr Gefährte schlüpfen wird. Somit dreht es sich also eher um die Rückkehr eines längst Vergangenen. Verbunden damit ist die drohende Auslöschung des Vorhandenen. In der jüdisch-christlichen Vorstellung bezeichnet Vanitas die Vergänglichkeit alles Irdischen. Im Mittelalter ging man davon aus, wenn tote Gegenstände abgebildet wurden, seien sie Abbilder des Irdischen. Und da das irdische Leben lediglich eine Durchgangsstation auf dem Weg zum eigentlichen ewigen Leben war, verdiente es nicht, abgebildet zu werden. Um auf die Auferstehung Jesu zu verweisen, wurde das leere Grab abgebildet – das Schwinden selbst, der Abdruck des Verschwundenen bleibt. Das Abwesende zeigt sich im Anwesenden. Das gemalte Bild ist an sich paradox, das Abgebildete ist scheinbar in Reichweite, aber es ist nicht vorhanden. Das Lebende lässt sich nicht festhalten. Nature morte. Doch gibt es Vanitassymbole, die den Tod bezwingen können. Echse und Ei als ein Vogel Phönix. Mohn und Ähre: Beim Abendmahl steht die Ähre für das Fleisch und der Mohn für das Blut. Der Mohn mit seiner vergänglichen Schönheit ist zugleich ein Symbol für or to marry—but in such a case what is usually called my will is probably a manifestation of a prior and more spontaneous decision.” In southern Catholic countries, the children are told that it is not the stork that brings the children, but that they come from a cauliflower head (Simone de Beauvoir still believed in it until she was seventeen). If one interprets the objects like the cauliflower head of Sartre, one quickly gets into an allegorical interpretation, which produces a form of indirect statement on the basis of similarity or kinship relations. In any case, there is a collision of the incompatible in the picture: the menace of a mercurial lizard peering up at the egg from which its companion will soon hatch. Thus, it is more about the return of something long gone. Connected with this is the imminent extinction of the existing. In the Judeo-Christian concept, vanitas denotes the transience of everything earthly. In the Middle Ages, it was assumed that when dead objects were depicted, they were images of the earthly. And since earthly life was merely a transit station on the way to actual eternal life, it did not deserve to be portrayed. To refer to the resurrection of Jesus, the empty tomb was depicted— evanescence itself, the impression of the disappeared, remains. The absent is manifested in the present. The painted picture is paradoxical in itself, the depicted is apparently within reach, but it does not exist. The living cannot be held onto. Nature morte. But there are vanity symbols that can conquer death. The lizard and the egg as a phoenix bird. Poppy and ear: At the Last Supper, the ear stands for the flesh and the poppy for the blood. With its ephemeral beauty, the poppy is both a symbol of sleep and the deadly sin of sloth. Is the cloth possibly a large pillow? At the same time it has something of an altar cloth to it. The pistils of the female flower blossoms collected before pollination serve as intoxicants. They are smoked by the Indians in Peru as an intoxicant. A picked flower, however, is damned to wither. Lutz Ketscher’s picture is the protocol of a mystification and a revelation at the same time (for example in the gaze of the lizard). It shows the “incursion of the demonic into the real” (Alexander Nitzberg about Mikhail Bulgakov), in which the living blows up the idyll from within. Is it a picture puzzle, something like a wimmelpicture? At the same time it is well-planned, with an almost circular movement in the composition from the bottom Literarische Betrachtungen zu den Werken von Lutz R. Ketscher | Literary Observations on the Works of Lutz R. Ketscher

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