Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 8 3 Schlaf und die Todsünde Trägheit. Ist das Tuch möglicherweise ein großes Kopfkissen? Zugleich hat es etwas von einem Altartuch. Die vor der Bestäubung gesammelten Griffel der weiblichen Blüte dienen als Rauschdroge. Sie werden von den Indianern in Peru als Rauschmittel geraucht. Eine gepflückte Blume aber ist zum Welken verdammt. Lutz Ketschers Bild ist das Protokoll einer Verrätselung und einer Enthüllung zugleich (etwa im Blick der Echse). Es zeigt den „Einbruch des Dämonischen ins Reale“ (Alexander Nitzberg über Michail Bulgakow), indem das Lebendige die Idylle von innen her sprengt. Handelt es sich um ein Vexierbild, um so etwas wie ein Wimmelbild? Dabei ist es wohldisponiert, mit einer geradezu kreisförmigen Bewegung in der Komposition von rechts unten über den Blick nach oben zur Mitte. Das Mobiliar – das die Stilspuren welchen Jahrhunderts versammelt? – trägt die Signatur von Zeit. Am Werk ist eine „Fantasie als erarbeitete Konstruktion“ (wie es über Jean Paul heißt) also etwas überaus Artifizielles. Dabei ist das Ei natürlich auch deshalb „falsch“, weil es kein Ei ist, sondern „nur“ das Bild eines Eis. Eitelkeit und Nichtigkeit zeigen sich nicht zuletzt in der Fliege auf der Kante des Tisches. Wer denkt hier nicht an den Begriff der Eintagsfliege? Im Vanitas-Motiv ist nicht die Vergänglichkeit an sich verwerflich. Nicht die welken Maisblätter, nicht die kleinen Gerippe der toten Saurier. Verwerflich sind die Versuche, die Vergänglichkeit aufzuhalten. Über den Gang der Zeit hat der Mensch keine Macht. Alles ist und bleibt „ganz eitel“. „Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Sein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde bleibt aber ewiglich. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie wieder daselbst aufgehe.“ (Prediger Salomos, 1, 3–5) right, to the view upwards, to the middle. The furniture—which brings the stylistic traces of which century together?—bears the signature of time. At work is a “fantasy as a prepared construction” (as it is said about Jean Paul), that is, something very artificial. Of course, the egg is therefore also “wrong,” because it is not an egg, but “only” the image of an egg. Vanity and nothingness appear not least in the fly on the edge of the table. Who does not think of the term “mayfly” here? The transience itself is not reprehensible in the vanitas motif. Not the withered corn-leaves, not the little skeletons of the dead dinosaurs. Reprehensible are the attempts to stop the transience. Man has no power over the passage of time. Everything is and remains “quite vain.” “You spend your life working, labouring, and what do you have to show for it? Generations come and generations go, but the world stays just the same. The sun still rises, and it still goes down, going wearily back to where it must start all over again.” (Ecclesiastes Solomon, 1, 3-5)

RkJQdWJsaXNoZXIy NDYxODA=