Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

1 7 der Wiedervereinigung Deutschlands künstlerisch keine auffällige und sie bildet in der Werkchronologie auch kaum eine Zäsur ab. Der Umbruch als überfällige Aufhebung einer falschen äußeren Ordnung, für die er bis zum Schluss den Begriff „Besatzungszone“ verwendete, ließ das innere Kulturleben des Lutz Ketscher unangefochten. Unbeirrt bleibt seine Distanz zur näheren und weiteren Umgebung. Das zeigen die im Jahr 1989 entstandenen Werke wie „Gepäck“ oder „Santa Maria oder die Entdeckung der anderen Ufer“, „Narrenherrschaft“ und „Die Nische“. 1995 entsteht mit „Hinter Hof“ eine Milieustudie, die Poesie und Banalität von Hinterhofansichten zusammenfasst – hinter Hof die gleiche Ansicht wie hinter Gera. Kunst, die unter den Bedingungen der DDR entstanden ist, hat heute ein Rezeptionsproblem, genauer ein Selektionsproblem. Die Mauer, die von der Kunstgeschichte durch das Konvolut deutscher Kunst zwischen 1946 und 1989 gezogen wird, erweist sich immer noch als stabil.5 In vielen Ausstellungen und Werkschauen nach 1989, die sich der Kunst in der DDR widmen, wird der Begriff „Auftragskunst“ als Erwartungshaltung konzipiert und zum Diskurs erhoben, zugleich in vielen Rezensionen relativiert, teilweise auch rehabilitiert. Inzwischen ist es wieder legitim, antwortoffen darüber nachzudenken, inwieweit ein zweckgebunden von außen motiviertes Werk auch Kunst sein darf – oder nicht sein kann. Und wie viel innere Zurücknahme von der Auftraggeber-Ambition ein Werk aufweisen muss, um seine Souveränität zu behaupten. Oder ob es gar allein nach Maßgabe des Entstehungsortes als Dienstleistung am System abgetan6 werden muss. Von einem Sponsor, Mäzen oder dem staatlichen Kulturetat, dem Stadtsäckel oder einer politischen Doktrin beauftragte Kunstwerke haben ein doppeltes Legitimationsproblem, aber nicht per se einen Makel. 5 2011 unternahm die Sammlung der Nationalgalerie eine Schau deutsch-deutscher Kunstwerke von 1945 bis 1968 unter dem Titel „Der geteilte Himmel“. Und so straff ist dann auch separiert: Figuration und Abstraktion. Verklärung mittels Freiheitssymbolen hier und sozialistischer Realismus dort. Im Oktober 2017 öffnete in Potsdam im neuen Museum Barberini die Ausstellung „Hinter der Maske“ – eine eng kuratierte Exposition von Menschendarstellungen in der DDR zwischen Selbstbehauptung und Schauspiel. Und das Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) eröffnet 2018 auf 400 Quadratmetern die Dauerausstellung „Wege der Moderne. Kunst in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1990“. 6 Von der FRÖSI. Pioniermagazin für Mädchen und Jungen in der DDR (Nr. 5/1978; der Titel ist die Abkürzung des Pionierliedes „Fröhlich sein und singen“) wurde Lutz Ketschers Werk „Arbeitstag der Landvermesser“ als Kunstwerk des Monats ausgewählt und abgebildet – offenkundig hielt man es für tauglich, die verantwortungsvolle Arbeit des Einzelnen für den Arbeiterstaat zu repräsentieren. Die allegorische Dimension des Land-Vermessens wird den sieben- bis zehnjährigen Lesern kaum bewusst geworden sein und die Vorbildfunktion eines leitenden Angestellten, allein vor einer weiten, technisch verfremdeten Natur, ist eher fragwürdig. “Narrenherrschaft” (“Reign of Fools”) and “Die Nische (“The Niche”). With “Hinter Hof” (“Behind Hof”) in 1995, a milieu study that summarizes the poetry and banality of backyard views emerges—with the same view behind Hof as behind Gera. Art that originated under the conditions of the GDR has a reception problem—more precisely a selection problem—today. The Wall, which is pulled through the mixture of German art between 1946 and 1989 by art history, is still proving to be stable.5 In many exhibitions and monographic shows after 1989 that are dedicated to art in the GDR, the term “commissioned art” is conceived as an expectation and raised to a discourse, at the same time relativized in many reviews, partially rehabilitated, too. In the meantime, it is legitimate to think in an open-minded way to what extent a motivated work appropriated from the outside may or may not be art. And how much inner withdrawal from the client’s ambition must a work show to assert its sovereignty. Or whether it alone must be dismissed as a service to the system according to the place of origin.6 Works of art commissioned by a sponsor, patron or state cultural budget, the city coffers or political doctrine have a double legitimization problem, but not a flaw per se. In 2015, the Dresden Institut für Kulturstudien e. V., together with the City of Gera and Wismut GmbH,7 initiated the exhibition Arbeit! Ostdeutsche Arbeitswelt im Wandel 1945–2015 (Work! East German Working World in Change 1945–2015). It presented the GDR as a workplace society and the production workers at the switching points of the course of the world between pathetic and humiliated. Ketscher’s “Schichtbus” (“Shift 5 In 2011, the National Gallery put together a show of German-German artworks from 1945 to 1968 entitled Der geteilte Himmel (The Divided Sky). And the categories were also just as strictly separated then: figuration and abstraction. Transfiguration by means of symbols of freedom here and socialist realism there. In October 2017 the exhibition Hinter der Maske (Behind the Mask) opened in Potsdam at the new Museum Barberini—a tightly curated exposition of portrayals of people in the GDR between self-assertion and acting. And in 2018, the Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) opened the permanent exhibition Wege der Moderne. Kunst in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1990 (Paths of Modernism. Art in the SBZ/GDR between 1945 and 1990) in a 400 m² space. 6 Lutz Ketscher’s work “Arbeitstag der Landvermesser” (“The Surveyor’s Working Day”) was selected as Artwork of the Month and displayed in FRÖSI. Pioniermagazin für Mädchen und Jungen in der DDR (No. 5/1978). The magazine title is the abbreviation of the pioneer song “Fröhlich sein und singen” (“Be Cheerful and Sing”)—obviously it was deemed suitable for representing the responsible work of the individual for the workers’ state. The seven-to-ten-year-old readers would have scarcely been aware of the allegorical dimension of land surveying, and the role model function of a leading employee, alone in front of a vast, technically alienated nature, is rather questionable. 7 Wismut GmbH has collected 4,209 works by 450 artists and exhibited a selection of them in 2015 under the title “Sonnensucher” (“Sun Seekers”) at Schloss Biesdorf, including Lutz Ketscher’s “Schichtbus” (“Shift Bus”). Works by Werner Petzold, Bernhard Heisig, Werner Tübke, Willi Sitte and Heinz Plank, among others, as well as portrait paintings by Lutz Ketscher are represented in the Wismut art collection.

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