Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

2 0 auf und geben dem gedanklichen Weiterfließen Raum. Wie ein Roman, der spannungsreich zwischen den zeitlichen Epochen hin und her springt, kann Ketscher die unterschiedlichen Ebenen der Sinnkonstitution einzeln erzählen oder ineinanderwirken lassen. Das Potenzial dieser Simultanität ermöglicht es, die Werke immer neu und anders aufzufassen. Die Verschmelzung der Elemente aus realen und visionären Welten fügt sich zum magischen Realismus, der als genreübergreifende Kunstform in Literatur, Film und Fotografie eine dritte Realität als sinnliche Stellvertreterwelt evoziert. Der Frühromantiker Friedrich Schelling wird Ketscher hier zum Gewährsmann. Ihm galt die autonome Wirklichkeit der Kunst als in sich vollendet. Seine These von der irrationalen Kunst als höherer Form des analytischen Verstandes spiegelt sich in Ketschers Stillleben „Melancholie des Ateliers“. Hinter leerem Rahmen vor leerer Wand steht „RATIO IRRATIO“ und schlägt den Bogen von Schelling über das Manifest der Surrealisten bis in die Malstube von Lutz Ketscher. 1997 entstehen „Aer“, „Aqua“, „Terra“ und „Pyros“ und zeigen Ketschers eigenwillige Fantastik in ihren Steigerungsstufen. „Aer“ beginnt mit einer idyllisch aufgefassten Stadtansicht von Schwarzenbach. Um einen Brückenbogen reihen sich Häuser, Bäume, Laternen und Kirchtürme in realen Größenverhältnissen vor azurblauem Himmel im Zeichen des Kuckucks zur Folklore. Doch über die Brücke galoppiert ein Pegasus – und damit kippt die Wahrnehmung der Bildwelt. Am Himmel bricht das Fantastische aus: Ein riesiges kometenhaftes Ziffernblatt senkt sich auf das städtische Schein-Paradies und das schwingende Perpendikel mit einem Augapfel pendelt einer endzeitlichen eschatologischen Bedrohung entgegen oder läutet einen wundersamen Erlösungszauber der kleinen Siedlung hinter der Brücke ein. An Flora und Fauna ist in „Aqua“ eine Unterwasserwelt zu identifizieren. Fantasiewesen, furchteinflößend wie elegant, tanzen im Meeresgrün zwischen Resten von verwitternder Prachtarchitektur mit Zwittergeschöpfen aus Booten und Meeresgetier. Hier relativiert Ketscher die Orientierung an lebensweltlichen Kategorien; Horizont, Wasser, Luft, Mensch, Tier, Pflanze – alles ist aufgelöst und in einer universellen Metamorphose zu neuen Fantasieschöpfungen verschlungen. Die Bildwelt in „Terra“ hat endgültig die Lebensraum- und Ordnungskategorien verlassen und setzt sich allein aus Versatzstücken zusammen. Die belebte Welt ist ausgeblendet und in Hinweise und Symbole übersetzt. Höhlenmalerei, Halbedelsteine, Architekturfragmente, die Venusfigurine von Willendorf, der geflügelte Fuß des Hermes und ein in Bernstein gebanntes Insekt bilden reflected in Ketscher’s still life “Melancholie des Ateliers” (“Melancholy of the Studio”). Behind an empty frame in front of an empty wall stands “RATIO IRRATIO”, and draws the line from Schelling, via the Surrealists’ Manifesto, all the way into Lutz Ketscher’s painting studio. In 1997, “Aer,” “Aqua,” “Terra” and “Pyros” are painted and show Ketscher’s idiosyncratic fantasies in their degrees of intensification. “Aer” begins with an idyllic view of Schwarzenbach. Houses, trees, lanterns and church towers in real proportions line up around a bridge arch against azure skies to become folklore under the sign of the cuckoo. But a Pegasus gallops over the bridge—thus tilting the perception of the visual world. The fantastic breaks out in the sky: A huge, comet-like clock face dips towards the urban pseudo-paradise and the vibrating perpendicular with an eyeball wields an eschatological threat or heralds a wondrous redemptory magic for the small settlement behind the bridge. An underwater world can be identified in “Aqua” by the flora and fauna. Fantasy beings, frightening as well as elegant, dance in the sea green between remnants of weathering grandiose architecture with hybrid creatures made of boats and denizens of the sea. Here Ketscher relativizes the orientation to lifeworld categories; horizon, water, air, human, animal, plant—everything is dissolved and intertwined in a universal metamorphosis into new fantasy creations. The pictorial world in “Terra” has finally abandoned the categories of habitat and order, and consists solely of set pieces. The living world is faded out and translated into hints and symbols. Cave paintings, semi-precious stones, architectural fragments, the Venus figurine of Willendorf, the winged foot of Hermes, and an insect banished in amber compose an opulent hymn to the narrative competence of form and make arbitrary connections of meaning possible. In Lutz Ketscher’s case, fantastic10 means, above all, to connect elements and to bring them into flow and counter-movement. The pictorial worlds and their heightened demands on perception also intervene in psychodynamic processes. The appeal to the imaginative talent to identify a narrated subject in the work and to recognize an idea of the whole goes far beyond mere imagination. Fantastic utopias are not suggestions or possibilities, but ideal world states. 10 On the conceptualization and appearance of the fantastic in art and related fields, see Peter Assmann (ed.), Andererseits: Die Phantastik. Imaginäre Welten in Kunst und Alltagskultur. Catalog of an exhibition project of the Upper Austrian State Museums at Schlossmuseum Linz, Weitra: Verlag Bibliothek der Provinz, 2004.

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