Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

2 7 Inventars haben sich seit dem 17. Jahrhundert als Genremerkmale erhalten. Das Zusammenwirken von Natur und Wesen der Dinge und der ordnenden Menschenhand – auch unter weltanschaulichem Aspekt – braucht die Fähigkeit der Kompilation. Ketschers Kompositionen sind dieser Tradition verpflichtet, doch es sind auch Versuchsanordnungen. Seine kaum zurückgehaltene Lust am Öffnen der hermetischen Bildwelten und an Interventionen kleiner sinnstiftender Intrigen gegen das nur Harmonieschöne im Bild ist leicht zu identifizieren.20 In Ketschers Werk gibt es Küchen-, Waffen-, Blumen- und Jagdstillleben. Auch das Musikinstrumentenstillleben „Trio Instrumentale“ zeigt ein klassisches Genreverständnis. Die Atelierstudien „Der letzte Fünfziger“ und „Rosa Brille“ schaffen den Übergang zum Interieur. Ketscher inszeniert an einigen Stellen Ventile, die mit subversivem Impetus Zeitgeist und Selbsterfahrung in die stille Bildwelt der toten Gegenstände hineinholen. Die König-Midas-Metapher beispielsweise deutet die semantische Grundierung von „Blaues Blut“ an. Wie in Midas’ Welt, in der alles, was er berührt, zu Gold wird, färbt sich im Stillleben alles mit der azurblauen Malfarbe. Ketscher allegorisiert die Macht oder die Ohnmacht des Künstlers, der sich alles unterwirft, bis zum Tod in Form eines gläsernen Schädels, angefüllt mit blauer Flüssigkeit und mit Lorbeer bekränzt. Im Vordergrund liegt die Tube mit dem azurblauen Malmittel als Fluch oder Erlösungsformel. Zum Künstlerbekenntnis oder -geständnis verstärkt der Spiegel die Aufforderung zur Selbstbesinnung.21 In anderen Werken gibt es Signale, die die reine Verdinglichung der Gegenstände aufheben und die Bildwelt ins Irreale verschieben, etwa das Ei. Wie eine Blackbox, ein Platzhalter für das Irreale, implementiert das übergroß thronende oder schwebende Ei eine irritierende Mehrsinnigkeit.22 „Asservaten“ summiert dem Titel nach die Objekte zum beschlagnahmten Eigentum einer Person.23 Dieser kleine Bodensatz des Individuellen ist auch ein Psychogramm. In Ketschers Asservaten-Stillleben steht zwischen einem Steinschloss-Terzerol, einem Rasiermesser, einer Perlenkette und einem Fächer auch ein großes, graues Ei – als Geheimnis, als Lebensrätsel. Drei Blumenstillleben – dreimal Vogelbeeren – spielen die Beweglichkeit aus, die Ketscher dem stillen Genre abverlangt. „Rote Beeren“ steht in van Goghs 20 Siehe u. a. Lutz Ketscher, „Ex Oriente Lux“ (2003). 21 Zum Motiv des Spiegels siehe auch Max Beckmann, „Stilleben mit Fischen und Papierblume“ (1923) und „Stilleben mit Grammophon und Schwertlilie“ (1924). 22 Lutz Ketschers „Kuckuck“ oder „Das falsche Ei“. 23 Die ersten als Stillleben geltenden Malereien entstanden im alten Ägypten: Wandbilder, die den gesammelten Nachlass Verstorbener zeigen. semantic primer of “Blaues Blut” (“Blue Blood”). As in Midas’s world, where everything he touches becomes gold, everything in the still life is colored with azure blue stain. Ketscher allegorizes the power or impotence of the artist who submits to everything until death in the form of a glass skull, filled with blue liquid and garlanded with laurel. In the foreground lies the tube with the azure blue painting medium as a curse or salvation formula. For the artist’s acknowledgment or confession, the mirror reinforces the call for self-reflection. 21 In other works there are signals that cancel out the pure objectification of the objects and shift the imagery into the unreal, such as the egg. Like a black box, a placeholder for the unreal, the oversized enthroned or floating egg implements an irritating multiple sense of purpose.22 By title, “Asservaten” (“Exhibits”) sums up the objects into the confiscated property of a person.23 This small residuum of the individual is also a psychogram. In Ketscher’s still life of exhibits, a large, gray egg—as a secret, as a life-riddle—stands between a flintlock terzerole, a razor, a string of pearls and a fan. Three still lifes of flowers—three times rowanberries—express the agility that Ketscher demands of the silent genre. “Rote Beeren” (“Red Berries”) is in van Gogh’s sunflower style. The same rowanberries, placed in front of a drawing in “Zen” on a still life, emphasize the purely painterly valeurs of the genre and the deceptive authenticity of the plump berries in the Dutch tradition. “Vogelbeerbaum” (“Rowan Tree”), on the other hand, cleverly combines the arranged world with the painted one. Behind the rowan branches in a brown vase hangs an object frame with a butterfly collection. An ornithological study is nailed next to it and the beginning of a maritime painting is to be seen above it. But the still life begins to live miraculously: The Siberian thrushes pluck the berries from the branches, the sea-blue runs across the frame, the flying fish join the flushing butterflies and origami birds turn up in this not-at-all still life and carry the illusion to extremes. The secondary imagery and objects in the work combine to form a trompe l’oeil, an illusion that vitalizes the silence. Using a minimal inventory, another floral still life makes a direct statement. “Die Falle” (“The Trap”), 21 On the motif of the mirror, see also Max Beckmann, “Stilleben mit Fischen und Papierblume” (“Still Life with Fish and Paper Flower”) (1923) and “Stilleben mit Grammophon und Schwertlilie” (“Still Life with Gramophone and Iris”) (1924). 22 Lutz Ketscher’s “Kuckuck” (“Cuckoo”) or “Das falsche Ei” (“The Wrong Egg”). 23 The first paintings considered as still lifes were created in ancient Egypt: murals depicting the collected estate of the deceased.

RkJQdWJsaXNoZXIy NDYxODA=