Lutz R. Ketscher - Biographie u. Werkverzeichnis / Biography and catalog raisonné

5 8 Rückzug ins Private Die Sozialistische Einheitspartei (SED) und ihre Kulturfunktionäre versuchten unablässig, einen populären Kunst- und Kultureinheitsstil zu propagieren und zu etablieren. Manche Künstler machten überzeugt mit und wurden hofiert. Die meisten waren vielleicht anfangs, nach dem Krieg, noch überzeugt, aber in zunehmendem Maße nicht mehr und sie standen dann vor Problemen. Ein direkter Widerstand war nicht möglich, das war eindeutig nach dem 17. Juni 1953. Bis 1961 war noch die Flucht möglich, die Künstlern wie Gerhard Richter und anderen im Westen zur Karriere verhalfen. Im Osten blieb vorerst nichts anderes übrig, als sich zu arrangieren und um nicht zu resignieren, irgendwie doppelgleisig zu fahren. Ein Rückzug ins Private. Aber ganz so einfach war‘s doch nicht. 2016 erschien von Paul Kaiser das Buch „Boheme in der DDR – Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus“ im DIK Verlag UG, Dresden. Dieses Buch beleuchtet eine Szenerie, die in diesem Ausmaß selbst uns damals nicht so bekannt war. Die Informationsvernebelung funktionierte neben ihrer Endlospropaganda bis zuletzt tadellos. Leider war auch die persönliche Kommunikation weitestgehend gestört, dafür sorgte die Stasi. Wie sich im Nachhinein herausstellte, wurde so gut wie jeder gelegentlich von der Stasi „heimgesucht“. Was das zu bedeuten hatte, ist jedermanns Sache. Aus meinen Stasiakten geht eindeutig eine permanente Beobachtung hervor. Das wussten meine Partnerin Karin und ich und es war uns ziemlich egal. Andere waren da vermutlich etwas vorsichtiger. Nachdem der Spuk vorbei war, kamen Anekdoten ans Licht, die an Schizophrenie nichts zu wünschen übrigließen. Da alle, die sich mit Kunst beschäftigten, in einem obligatorischen Künstlerverband (in meinem Fall VBK-DDR Bezirk Gera) zusammengefasst waren, hatte jede „Generation“ ihre eigene Gruppierung. Unsere waren die nach 1965 zugezogenen Studienabgänger aus Leipzig und Dresden. Und wir, die Gruppe und unsere Entourage, setzten uns von Anfang an in Szene, so gut wir konnten. Das waren hauptsächlich Atelierfeten, aber auch öffentliche Aktivitäten wie Auktionen oder Faschingsveranstaltungen (beides von den Funktionären nicht gerade gern gesehen). Für eine Boheme, wie von P. Kaiser beschrieben, war die Provinz zu übermächtig. Wir lebten noch bis 1974 in der Altstadt – es wohnen zu nennen wäre zu beschönigend. In dieses „nostalgische“ Milieu wurde am 27. März 1971 unsere Tochter Antonia-Maria hineingeboren. Meine Frau Karin und ich Retreat into the Private Realm The Socialist Unity Party of Germany (SED) and its cultural leaders had been constantly trying to propagate and establish a popular art and cultural unity style. Some artists convincingly took part and were courted. Most of them may have been initially convinced after the war, but as time went on increasingly not, and then faced problems. Direct resistance was not possible; that was absolutely clear after June 17, 1953. Escape was still possible until 1961, and helped provide artists like Gerhard Richter and others with a career in the West. For the time being in the East, however, there was nothing else to do but to come to terms with the situation and not to give up, to somehow run on a double track. A retreat into the private realm. But it wasn’t that easy after all. In 2016, Paul Kaiser published the book Boheme in der DDR – Kunst und Gegenkultur im Staatssozialismus (Bohemians in the GDR – Art and Counterculture in State Socialism) in DIK Verlag UG, Dresden. This book illuminates a scene that was not that familiar even to us at that time. The information obfuscation worked perfectly alongside their endless propaganda up until the very end. Unfortunately, personal communication was also disturbed to the greatest possible extent; the State Security Service (Stasi) made sure of that. As it turned out in retrospect, just about everyone was occasionally “haunted” by the Stasi. Just exactly what that meant is everyone’s personal matter. My Stasi files clearly show a permanent surveillance. Karin and I knew that and we did not really care. Others were probably a little more cautious. After the spook had passed, anecdotes came to light that left nothing to be desired in terms of schizophrenia. Since all those involved in art were included in a compulsory artist association (in my case VBKDDR [Association of Artists of the German Democratic Republic] District Gera), each “generation” had its own grouping. Ours consisted of the graduates from Leipzig and Dresden who had moved here after 1965. And we, the group and our entourage, played to the gallery as best we could right from the start. There were mainly studio parties, but also public activities such as auctions or carnival events (both of which were not exactly welcomed by the officials). For a Bohemian, as described by Peter Kaiser, the province was too overpowering. We dwelled in the Old Town until 1974 – it would be too euphemistic to call it living. In this “nostalgic” milieu, our daughter Antonia-Maria was born on March 27, 1971. My wife Karin and I got married on June 22, 1971.

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